Taxi in die Freiheit

“TAXI  IN  DIE  FREIHEIT”

Von Ursula Biermann ©2010

 

Für Johannis Baptiste Omote begann der Tag zunächst wie jeder andere. Feurig erhob sich die Sonne aus flammendem Horizont, ließ brennen fetzige Wölkchen, ostwärts segelnd am tiefblauen Himmel überm Ovamboland. Der Herbst hatte eben begonnen, und mit dem März ging auch die Regenzeit zu Ende.

Heiß würde es wieder werden, und Johannis beschoss, die Missionsschule hier in Oshakati heute erst mal zu schwänzen. Nach seiner Ansicht gab es nun nichts mehr dazuzulernen, denn seit drei Tagen war sein Land nun unabhängige Republik, und als frischgebackener Staatsbürger fühlte er sich fit genug, auch ohne Abschluss einen guten Job zu finden.

Kürzlich waren die SWAPO-Leute auch in sein Reservat gekommen und hatten dem Volk der Owambo mit großem Palaver verklickert, welch große Zeit jetzt angebrochen war. Mit glühenden Augen hatte der Halbwüchsige lauschen und die Parolen eifrig nachplappern dürfen. Alles konnte er nicht behalten; allerdings unter nieder mit den Weißen und Namibia den Schwarzen wusste er sich doch etwas vorzustellen. Und ihm wurde heiß ums Herz bei dem Gedanken, seine gesamte Republik gehöre ihm jetzt auch mit.

In solche Träumereien schlug der plötzliche Lärm wie eine Bombe ein! Was war denn das? Aus dichter Staubwolke tauchte motorgequält ein Pickup auf und hielt direkt auf ihn zu. Ein Haufen Freunde winkte grölend von der Ladefläche: „Johannis, komm, steig auf! – es geht nach Süden – Jobs finden – wir verdienen richtige Dollars! – Beeil dich!“

„Ich bin Nesmus, der Taxi Driver,“ klärte ihn der Damara am Lenkrad auf. „Für ein paar Kröten kannst du mitkommen nach Walvisbaai und dein Glück machen! Es sind jetzt andere Zeiten, Bruder! Wer jetzt nicht dabei ist, verpasst seine Chance!“ Nesmus hatte es begriffen.

Angesteckt von der allgemeinen Euphorie, vergaß Johannis schnell die Überrumpelung. Niemals vorher hatte er das Reservat verlassen und war voller Neugier auf den unbekannten Rest seiner Heimat. So verdrängte er alle Ängste und das Unbehagen des eiligen Abschieds.

„Wie weit ist es denn nach Walvisbaai eigentlich?“ fragte er Paulus, der ihm am nächsten auf der Pritsche hockte.

„Keine Ahnung. War auch noch nie da. Schätze so zwei bis drei Tage. Vielleicht auch länger.“

„Und wann kommen wir zurück? Bringt Nesmus uns auch wieder nach Hause?“

„Weiß ich doch nicht! Lass uns doch erst mal da sein, dann werden wir schon sehen.“

Johannis verfiel in Schweigen. Er musste nachdenken.

„Stimmt es, dass die Weißen jetzt nichts mehr zu sagen haben?“ fragte er Paulus nach einiger Zeit. „Ich meine das mit der Apartheid. Ist das jetzt wirklich vorbei, vorbei?“

„Klar, Mann! Das ganze Land gehört jetzt uns. Und das Sagen haben wir auch. Die Weißen haben nichts mehr zu melden.“

„Und wie kommt das?“

„Hast du nicht aufgepasst, als die SWAPO da war, sag mal? Das hat alles was mit der UNO zu tun und mit dem Turnhallenpalaver in Windhoek. Genau weiß ich das auch nicht. Jedenfalls fanden die meisten, dass die SWAPO Recht hat. Und deshalb ist es eben alles so gekommen.“

„Und was ist die UNO?“

„Na, du bist vielleicht naiv! Frag doch Gabriel. Vielleicht weiß der das genau. Hat was mit Amis zu tun.“

Aber Johannis wollte gar nichts mehr hören, es war doch alles sehr kompliziert. Trotzdem wollte er eines noch wissen: „Wenn es die Apartheid nun wirklich nicht mehr gibt, dürfen wir denn jetzt auch überall da reingehen, wo sonst immer nur die Weißen reingehen durften?“

„Na klar doch. Und nun gib Ruhe.“

Selbst für die kaum verwöhnten Einheimischen war die Fahrt eine einzige Strapaze. Unbarmherzig heizte die Sonne das Blech auf, das man kaum mehr anfassen konnte. Hart schlugen die Körper auf die Pritsche, der Fahrtwind wehte flirrende Hitze in die schweißperlenden Gesichter, dörrte durstige Kehlen, ließ die Augen brennen. Kaum einer hatte einen Blick für das saftig gelbblühende Land, wie es sich nur zur Regenzeit darbietet.

Endlich zeigte ein Wegweiser die nur wenigen Meilen bis zur Umbasi Lodge an. Als der Wagen durch das eindrucksvoll ausladende strohgedeckte Tor der Lodge rollte, packte ihn Angst, und er war froh, seine Kumpanen bei sich zu haben; allein hätte er niemals gewagt, einen Fuß in das weite Areal des Innengeländes zu setzen.

Nesmus jagte seine Fahrgäste von der Pritsche und fuhr zu den Versorgungsanlagen, um Trinkwasser und Treibstoff aufzunehmen. Johannis begab sich neugierig auf Entdeckungsreise, immer noch verwundert, sich in den Räumen ungehindert bewegen zu dürfen.

Bald gelangte er zu einer Reihe Sanitäranlagen, wie er sie noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Interessiert drehte er an den blanken Wasserhähnen, labte sich munter planschend in dem sauber plätschernden Wasser, spritzte weltvergessen um sich und goss schöpfend – im Spiegel Grimassen schneidend – das köstliche Nass wieder und wieder über den Kopf. Neugierig öffnete er eine der Kabinen und bestaunte, was sich hinter der Tür verbarg, und, nicht faul ließ der die Hose auf die Füße rutschen und pflanzte sich genüsslich auf das Becken.

Unbeschreiblich war seine Panik, als plötzlich die Tür aufflog, die entsetzten Augen einer weißen Frau schreckgeweitet auf ihn niederblickten, und sie augenblicklich unter Tiraden hysterischer Flüche wie eine Furie auf ihn eindrosch.

Johannis war vollkommen baff! Beschämt und wütend wusste er kaum, wie er so flink in die Klamotten gekommen war, um eiligst zu verduften. Und ehe er noch ihren Prügeln entkam, packten ihn zwei kräftige schwarze Hände und schüttelten ihn durch, dass ihm Hören und Sehen verging. „Du dämlicher Ovambo!“ brüllte der hünenhafte Herero. „Was geht eigentlich in deinem dämlichen Schädel vor?“

„Nix mehr Apartheid, Bruder!“ rief er aufsässig und ließ sich widerstrebend aus den paradiesischen Räumen prügeln.

„Du kommst wohl direkt aus dem Reservat, wie? Frisch vom Baum, was? Und lesen kannst du wohl auch nicht? Was steht da geschrieben?“ Zornesbebend packte der Herero den krausen Schopf, drehte ihn, bis Johannis die Aufschrift der Tür mühsam murmelnd entzifferte: L-ladies only.

Für den Rest der Tagesroute kauerte Johannis schweigsam auf der Pritsche, bis Nesmus den Toyota kurz vor Otjiwarongo am Straßenrand zur Nachtruhe abstellte. Die Nase erst mal gestrichen voll von der erhebenden Vorstellung, Herr zu sein über so ziemlich alles, beteiligte er sich auch nicht an der Jagd auf dem Farmland jenseits des Zaunes.

Es war bereits dunkel, als zwei Damara des Weges kamen, sich gemäß dem Gastrecht unter Ihresgleichen ans Feuer hockten und am Braaifleisch gütlich taten. Viel hatten sie zu erzählen von ihrer Wanderschaft. Dabei kam auch die Rede auf einen bottle store in Usakos, in dessen Lager man sich ohne Probleme bedienen konnte. Ob ihnen nun so wirklich alles gehörte, wussten sie auch nicht so genau. Immerhin, zur Bekräftigung ihrer lebhaften Schilderung ließen sie auch gleich den erbeuteten Scotch kreisen.

Vor Sonnenaufgang setzten sie die Reise fort. Der Tag würde trotz Regenzeit wieder erbarmungslos heiß werden im trockenen Buschland, und Johannis sehnte sich nach seiner feuchten Heimat am Kumene, der die Fruchtbarkeit ins Land schwemmte, wenn der Regen in Angola fiel. Meile um Meile näherten sie sich dem Erongo-Gebirge, das sich mit mehr als 2300  Meter hoch vor ihnen erhob.

Und dann zeigte der Wegweiser an, dass es nicht mehr weit war bis Usakos. Johannis wurde ganz bang ums Herz, als ihm das Vorhaben im bottle store wieder einfiel. Vermutlich ging es seinen Brüdern ähnlich, denn es wurde still auf der Pritsche. Außer Nesmus hatte noch keiner von ihnen je ein solches Wagnis riskiert. Was hatten sie in der Missionsschule gelernt? Du sollst nicht stehlen! Noch vor ein paar Tagen würden sie in der Hölle braten für solchen Unfug. Aber heute waren sie frei, und alles gehörte den Schwarzen; jedenfalls nicht mehr den Weißen allein! So stand es aufgeschrieben im Tintenpalast. Und was dort geschrieben steht, ist Gesetz. Also: Nur Mut!

Nesmus parkte den Pickup hinter Buschwerk und bedeutete den anderen, ihm leise zu folgen. Gabriel kroch an Johannis’ Seite und flüsterte: „Das ist doch ok, was wir machen, oder? Ich meine, Nesmus weiß doch ganz genau, was richtig ist.“

„Das musst gerade du mich fragen! Du weißt doch immer alles besser. Wenn Nesmus sowas plant, hat das auch seine Richtigkeit. Ein Damara kommt eben viel rum, so wie die beiden von gestern Abend. Also vorwärts. Da vorn ist die Tür!“

Heute aber lief alles ganz anders ab: Hunde schlugen plötzlich an, und eh sie sich’s versahen, kamen Uniformierte aus allen Richtungen auf die zu Tode erschrockenen Ovambos zugelaufen. Der Toyota donnerte quietschend davon, die anderen schlugen sich in die Büsche, und weg waren sie. Nicht so Johannis: Gelähmt und erstarrt ließ er sich widerstandslos festnehmen, kaum dass er begriff, was los war.

Eines allerdings erfasste er sofort, als er verzagt und total niedergeschlagen, umringt von weißen Cops mit finsteren Mienen, auf dem Hocker kauerte: Er saß mal wieder ganz verdammt in der Tinte. Wie immer war die allmächtige weiße Obrigkeit präsent: bedrohlich, präzise und zackig. Und er mitten in der Falle, weit weg von Mutters Ewigem Feuer, oben im Norden, im Ovamboland. Ihm war zum Heulen.

„Your name and residence, please. “

Was war das? Jemand hatte zu ihm gesprochen und das Wörtchen bitte gesagt! So viel hatte er immerhin verstanden. Ungläubig blickte er in die sturen Mienen der Weißen; auch sah er das neue Emblem der Republik auf den Ärmeln der Polizeiuniformen: Unity, Liberty, Justice; wie ging das nun wieder unter einen Hut? Ungläubig und ganz sachte drang in sein Bewusstsein: Warum sahen die aus wie Republikaner? Er sträubte sich, das zu glauben! Sie waren Weiße; vom Scheitel bis zur Sohle, durchwurzelt von Reich und Empire!

Doch was hatte er schon davon? Das Verhör wurde unerbittlich geführt, dazu noch in Englisch, und damit begann ein weiteres Dilemma. Der neuen Amtssprache eher unkundig, fing Johannis sich denn auch gleich einen Rüffel ein: „Don’t call me mister! Your answer be yes, Sir or no, Sir!”

Na, das fing ja wieder gut an! Johannis beantwortete die unerbittlichen Fragen radebrechend, so gut es eben ging, schob nach etwa zwei Stunden das unterschriebene Protokoll über den Tisch und begriff verschwommen, dass er frei war, rannte die Straße runter bis er nicht mehr konnte, schmiss sich rücklings in den Staub. Verwirrt und wehmütig sah er auf zum Sternengeflimmer, zum Kreuz des Südens, das jetzt ebenso leuchtend auch über seinem Homeland funkelte. Vor ihm lag die Namib in unendlicher Vielfalt und Weite. Echogleich drang das Heulen der Hyänen an sein Ohr und jagte ihm bange Schauer über den Rücken.

Fern in der Ebene brannte ein Feuer, und er machte sich auf, sein Gastrecht in der Runde seiner Brüder einzufordern.

Viel wurde erzählt in dieser Nacht. Der ergraute Domenikus hörte aufmerksam zu. „Taxi Driver, Johannis, sind rechte Windbeutel. Der Nesmus hat euch ganz schön über den Tisch gezogen mit seinen Versprechungen. Aber das war nur Lehrgeld, ist zu verschmerzen, wenn du daraus gelernt hast.

Du solltest – wie übrigens jeder von uns – darüber nachdenken, welche die wahre Bedeutung dessen ist, was vor fünf Tagen in unserem Land geschehen ist. Ich werde euch eine Geschichte erzählen. Sie hat zu tun mit unserem Land:

„Früher besiedelten Farmer unser Land mit achtspännigen Ochsenkarren. Noch heute sind unsere Paads so breit, dass ein solches Gespann überall wenden kann. Die Karren waren beladen mit allerlei Waren und Schätzen, und deswegen brauchte man auch einen erfahrenen Kutscher, sonst würde der Karren schnell zu Bruch gehen.

Neulich, genau am 21. März – also vor fünf Tagen – wurde wieder ein solcher Karren beladen und auf die Reise geschickt. Und dieses Mal trägt er die wertvollsten Schätze, die unser Land nun besitzt: unsere Unabhängigkeit, Freiheit, Einheit und Gerechtigkeit.

Nun brauchte man aber auch einen tüchtigen Mann, der die Ochsen sicher ins Ziel bringt. Und für diese Aufgabe wurde nun der beste Mann unseres Landes gewählt! Es ist: Dr. Sam Nujoma!

Als Ochsen nun dienen alle Stämme und Völker dieses Landes. Sie müssen miteinander und gemeinsam dafür sorgen, dass der Karren nicht ins Stocken gerät oder die Ladung gar zu Schaden kommt!“

Die Brüder riefen alle durcheinander und zählten alle schwarzen Völker auf. Aber es waren nur sieben.

„Das achte Volk, meine Brüder, sind die Weißen – gleichberechtigte, freie Staatsbürger unserer Republik Namibia wie wir.

Hier endet meine Geschichte“.

Johannis durfte sich der Gruppe anschließen und gelangte so nach Walvisbaai. Öd und verlassen rostete der einst stolze Hafen vor sich hin. Katzen kreisten um knarrende Kräne, Kehricht wehte längsseits der Kais, verwahrloste Wracks wetzten die Fender, Schekel quietschten an knarrenden Ketten.

Müde sank Johannis auf den Pier und ließ die Beine baumeln. Wie hatte Domenikus doziert? Große Worte kannst du nicht essen – das System musst du ändern! Erst dann wirst du satt. Das sind große Worte. Wenn man satt ist, sind es gute Worte. Aber Johannis war hungrig.

Nachdenklich besah er sich die Umgebung. Von dem Seelenverkäufer am Ende des Piers kam gemächlichen Schrittes ein bärtiger Weißer auf ihn zu. „Kannst bei mir anheuern“, und nickte mit dem Kopf in die Richtung, aus der er gekommen war. Es war kein schönes Schiff, und es war kein stolzes Schiff. Aber es konnte die erste Stufe bedeuten auf der Leiter zu Eigenverantwortung und Freiheit, wie Domenikus sie verstand.

Johannis sprang auf die Füße, senkte artig den Kopf und sprach die ewige Floskel, mit der er aufgewachsen war: „Ja, Mister! Gern, Mister! Danke, Mister.“

 

Danksagung

Mein besonderer Dank für das Zustandekommen dieses „Werkes“ gilt meinem Lebenspartner, der mich während meiner Arbeit (und nicht nur dann) in rührender Weise mit allem Bedarf des täglichen Lebens versorgte, mich von den Banalitäten der Küchenarbeit befreite und mir sonstige widrige Arbeiten und den Stress der Beschaffungslogistik abnahm, mich obendrein mit Leckereien und Lieblingsgetränken versorgte und stets auf den unverzichtbaren Zigarettennachschub bedacht war, so dass ich in keiner Weise Mangel leiden musste. (Man fragt sich, wieso nicht was Vernünftigeres dabei rauskam!).

Ganz besonders engagierte er sich als Lektor und Korrekturleser, so dass meine völlig nervösen Finger nun tatsächlich endlich mit dem Ding hier fertig geworden sind.

Im übrigen danke ich dem Honorarkonsulat von Namibia in Hamburg für das umfangreiche Informations- und Kartenmaterial, das der Auffrischung meiner Erinnerung äußerst dienlich war.

 

©ub 2010

 

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