Going East

Eine kleine Kurzgeschichte aus der „Geschichte“

 

 

Es begab sich zu der Zeit, als Menschen, die noch nie im Leben mit einander zu tun hatten, sich nicht beim Namen zu nennen wussten, sich vor Rührung weinend in die Arme fielen. Weit waren sie angereist, die vielen Tausend aus dem Osten und die vielen Tausend aus dem Westen. Sie verbrüderten sich in derselben Nacht auf niedergetrampeltem Stacheldraht, zerfetzten Schranken, tanzen umschlungen auf der Mauerkrone, und niemand ahnte, dass sich alles ändern würde.

Da machten sich auch auf Jos aus Nassenreeth mit Ria, seinem vertrauten Weibe, und sie stiegen in ihr Auto.

„Lass uns nun fahren gen Osten und die Geschichte sehen, die sich da zugetragen hat, wie uns die Glotze kundgetan.“

Und sie sahen das Land, das schön war, die Felder durchwachsen mit allerlei Blumen, und sie fühlten sich im Eden ihrer Kindheit, als ihre Heimat einst genauso schön anzusehen war. Und sie sahen, dass die Straßen und Wege nicht gut waren, bestaunten die uralten Bäume und wussten, dass sich alles ändern würde. Schließlich sahen sie Dörfer und Städte, und siehe, sie waren verkommen, sie rochen nach Ruß, wie einst ihre Heimatstadt, und sie wussten, dass auch das sich ändern würde.

Und sie erkannten, dass es viel zu tun gab, und sie beschlossen: „Packen wir´s an!“

 

Zuerst kam ihnen der Gedanke, als sie hungrig eine Gaststätte des KONSUM ansteuerten, und ein kleiner Zettel an verschlossen trauriger Tür kundtat, dass es „Heute kein Warenangebot“ gab, während sie an der nächsten Gaststätte befremdet und artig am Eingang, warteten, bis sie an einem der leeren Tische „platziert“ wurden:

„Das isses doch! Ein Restaurant aufmachen!“

„Hast du hier schon Vernünftiges gesehen? Nee? Na, ich auch nicht.“ Aber Jos war Feuer und Flamme von seiner Idee. Und so fuhren sie also durch die Lande, kuckten hier und da und sonstwo was Entzückendes in herrlicher Lage aus, über das dann allerdings letztendlich doch keiner verfügen durfte, wie sie in den Rathäusern erfuhren.

 

Irgendwann hatten sie von der fruchtlosen Kneipensucherei die Nase voll. Andere Ideen wurden verfolgt, es gab doch der Möglichkeiten so viele! Ria hatte ganz richtig erkannt: „Was könnte man hier alles auf die Beine stellen! Mensch, das ist ja wie damals bei uns; die ,Stunde Null` sozusagen!“ Und ihre Wangen röteten sich vor Begeisterung.

„Wie wär´s mit ´nem Obstladen? Sowas gibt es hier ja nun gar nicht.“

Und wieder fuhren sie durch das schöne Land und besuchten allerlei triste Ortschaften mit bröckelnden Fassaden und maroden Fabrikhallen.

 

Also das mit dem Obstladen klappte auch nicht. Für den Campingplatz am Plauer See fanden sie keinen Investor, und das Reisebüro erwies sich auch als Schnapsidee. Aber unsere Helden wurden nicht müde, rissen mit ihrem alten Diesel Tausende von Kilometern runter, kannten bald jede Fernstraße der Republik, zumindest der nördlichen.

 

Inzwischen war es Sommer geworden im Land der herrlichen Alleen, aber mit keinem ihrer Einfälle kamen sie zu Pott… Da ging plötzlich der Spuk um vom „joint venture“. Niemand wusste allerdings so recht, was es damit auf sich hatte.

„Das haaaist,“ gähnte Ria ausgiebig und reckte die Arme in den Nacken, „dass wir nix alleine machen dürfen. Nur mit jemandem von hier; mit ´nem Geenossen´ ebenntt!“. Sie kurbelte die Scheibe runter, hielt die Nase in den Fahrtwind.

„Irgendwie,“ sagte Ria irgendwann, „hab ich die Fahrerei satt. Und die Luft ist auch langsam ´n büschen raus. Oder? Und da sie ohnehin aufgeschmissen waren – ihr Geld reichte auch nur noch für eine übelriechende Tankfüllung – fuhren sie nach Hause, um wieder Ostmark einzutauschen.

 

Eines sonnigen Morgens kam Ria am Frühstückstisch die Erkenntnis: „Weißt du was? Ossi müsste man sein. Dann dürfte man drüben alles alleine machen.“

„Also weißt du. Dir geht es wohl zu gut!“

„Glaubichnich. Mal ehrlich: Hier haben wir doch die angeblich so tolle Demokratie. Heißt: wir dürfen die Klappe aufreißen und alle vier Jahre unser Kreuzchen machen. Basta!“

Jos biss in sein Brötchen. „Jaha, du kannst sagen, dass Kohl ein Armleuchter ist. Nur mal beispielsweise.“

„Ebenntt. Senkt das deine Miete? Bringt dir dassen Arbeitsplatz, mit Kantinenessen für fünfundzwanzig Pfennig?“

„Sag mal, worauf willst du eigentlich hinaus?“ Er stellte seine Kaffeetasse ab, sah seine Frau erwartungsvoll an.

„Auf gar nichts. Ich mein nur so… Stell dir doch mal vor, wie billig du da wohnen kannst! Klar, sind alles Bruchbuden. Aber man kann jetzt was draus machen. Und dann die Straßenbahn: fuffzehn Pfennig in Lääbsisch. Erinnerst du dich?“

„Ich halt´s im Kopf nich aus! Was du alles daherredest!“

Wenig später bekam Ria ihren zwar unsinnigsten Einfall, an dem sie sich aber übermütig berauschte: „Die Wessis sind unglaubwürdig. Vor dem Mauerfall haben alle über die armen Brüder und Schwestern lamentiert. Gott wie waaaren die doch zu bedauern! Zum Advent stellten sie alle Kerzen ins Fenster, schickten Pakete mit Kaffee von Aldi und Klamotten aussem Schlussverkauf bei C& A. So. Und nun reden alle großartig vom Aufbau Ost! Aber keiner tut wirklich was. Nur die Kerzenindustrie im Westen geht nun pleite.“

„Wieso? Die tun doch was: Aldi schickt LKWs mit Lebensmittel und verkauft sie aus großen Zelten. Und dann die fliegenden Händler in den Straßen mit Apfelsinen und Bananen!“

„Ja! Eine Banane gegen eine DeMark! Pfui! Aber stell dir doch nur mal vor, viele, viele Wessis würden sich drüben anmelden. Bei all den lieben Schwestern und Brüdern! Ich meine wohnsitzmäßig. Dann würden doch etliche Gemeinden drüben plötzlich viel mehr Geld in der Kasse haben, weil nämlich die Lohnsteuer am Wohnort fällig wird! Na, was sagst du dazu? Daaass wäre schnelle Hilfe beim Aufbau Ost“

„Du und deine Ideen! Was soll das eigentlich? Und außerdem: Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie oft du getobt hast an den Transitübergängen über diese Schnödels!“

„Ja. O.k.! Aber da waren auch welche, die wollte ich beim Ausreisen auf der Stelle mitnehmen. Aber die haben mich nur mit ganz traurigen Augen angekuckt.“

„Und? Hast du nicht noch mehr solche verrückten Ideen auf Lager?“

Doch, sie hatte!

 

Tags darauf stiegen die beiden wieder einmal die breiten Treppen zum Schweriner Rathaus hinauf und bauten sich vor der Pförtnerklappe auf. Hinter der Sprechscheibe blieb der freundlichen Genossin der Mund offen, als die Besucher ihre Frage nach dem Begehr beantworteten. Beflissen huschte sie um ihren Schreibtisch, trat aus dem Kabuff und, die Besucher anstarrend, als wären sie nicht von dieser Welt, bat sie feierlich, ihr doch bitte ins Besucherzimmer – das der Bonzenklasse – zu folgen und es sich bequem zu machen, man möge sich doch bitte in Geduld fassen, es könnte einen Moment dauern… und entfleuchte hurtig.

„Das ist denen bestimmt noch nie untergekommen,“ feixte Ria und kostete die Situation vergnüglich aus.

„Nö, die denkt, sie träumt.“

Es dauerte in der Tat eine Weile, bis ein grau betuchter Genosse mit Stenoblock und Bleistift in tiefer Verbeugung in den Raum knickte. Ihm folgte der anlässlich solch unglaublichen Begehrens obligatorische Genosse Zeuge, dem die begriffsstutzige Neugier förmlich aus dem Gesicht sprang. Der Graubetuchte setzte sich, durchblätterte konzentriert die entgegengenommenen Reisepässe der Bittsteller. „Ühüüm,“ und schwärmte verträumt: „In Afrika waren Sie auch schon?“

In Rias Gemüt machte sich Mitleid mit dem Manne breit. Trotzdem fiel es ihr schwer, den gebührenden Ernst zu bewahren. Der Graubetuchte kritzelte ihre Personalien etwas zittrich auf seinen Block, und damit der Genosse Zeuge auch auf jeden Fall „ganz oben“ bezeugen konnte, was hier gar Unglaubliches geschah, stellte er protokollgerecht nochmals die Frage nach ihrem Begehr.

„Jawoll,“ antwortete Jos mit fester Stimme, “hiermit stellen wir den Antrag auf Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik.“

„Und wie sollas nu weitergehen?“ platzte Ria in die peinlich lange Ratlosigkeit: „Ich meine, haben Sie hier denn nich sowas wie ´n Auffanglager? Wo soll´n wir denn nu abbleiben?“

Ein Auffanglager! Na ja, sowas hatte die “Rebuubliik” nun wirklich nicht.

„Och, denn issas wohl am praktischten, wir fahrn eersma wieder rüber nach Nassenreeth. Sie können uns ja Bescheid geben, wennas denn soweit is, nech? Adresse ham Sie ja,“ sprachs, zog Jos aus dem Sessel und verabschiedete sich mit kräftigem sozialistischem Händedruck, was immer darunter zu verstehen war.

*****

 

Diese denkwürdige Phase losgelassener Emotionen, ausgelebter Phantasien und abstrusen Phantastereien liegt heute im Nebel der Vergangenheit. Der Lauf der Zeit überrundete auch die wahre Geschichte von Jos und Ria. Abgedriftet in die Grauzone zwischen Mähr und Legende, hat der raue Wind der Realität sie für immer verweht ins fatale Vergessen der Geschichte.

 

©ub 10.03.2017