Bulgarien

 
Alter in Bulgarien
Demographischer Zusammenbruch:
Im Vergleich zur letzten Bevölkerungszählung von 1992 ist die bulgarische Bevölkerung um 510.000 Einwohner zurückgegangen. Ein Drittel davon sind ins Ausland emigriert. Der natürliche Bevölkerungszuwachs ist negativ, d. h. die Sterbefälle übertreffen die Geburtenzahlen. Früher war jeder Zweite unter 18 Jahre alt, jetzt ist es jeder Fünfte. In 108 bulgarischen Orten wohnt keiner mehr, es gibt 32 Dörfer mit je nur einem Bewohner. In anderen 310 Dörfern wohnen je unter 10 Einwohner. In nur 5 Städten (Varna, Petritsch, Sandanski, Svischtov und Haskovo) hat sich seit 1992 die Einwohnerzahl erhöht, die Anzahl der Hauptstadteinwohner (Sofia) hat sich um 18.000 verringert.
Die Rentenreform
Am 1. Januar 2000 trat das vom bulgarischen Parlament verabschiedete neue Gesetzbuch über die Pflichtsozialversicherung (GbPSV) in Kraft. Mit diesem wichtigen Gesetzgebungsakt wurde Bulgarien nach Ungarn und Polen das dritte Land unter den ehemaligen sozialistischen Staaten in Europa, welches das sogenannte Drei-Säulen-Rentensystem eingeführt hat. Die erste Säule schließt das gesellschaftliche Rentensystem ein, bei dem die Erwerbstätigen durch ihre Versicherungsbeiträge die Seniorengeneration unterhalten. Die zweite Säule – die zusätzliche obligatorische Rentenversicherung – ist auf dem Kapitalprinzip errichtet. Das bedeutet, dass die die Rente einer Person durch die von ihr und von ihrem Arbeitsgeber während des Erwerbslebens im Pensionsfonds geleisteten Beiträge bestimmt wird. Seit 1. Januar 2002 ist die Teilnahme an einem solchen Fonds obligatorisch. Die dritte Säule – die zusätzliche freiwillige Rentenversicherung – ähnelt der zweiten, aber die Teilnahme des Erwerbstätigen und seines Arbeitsgebers ist freiwillig. Die Teilnahme an den drei Säulen gibt die Möglichkeit, drei Renten zu erhalten, davon zwei obligatorische.
Im Gesetzbuch werden die gesellschaftlichen Verhältnisse bei der staatlichen Sozialversicherung sowie bei der obligatorischen zusätzlichen Rentenversicherung geregelt. Die Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung sowie die Familienbeihilfen werden in anderen gesonderten Gesetzen geregelt.
Die praktische Anwendung des GbPSV zeigt, dass das darin eingeführte neue Modell zufriedenstellend funktioniert. Zugleich wurden manche Nachteile sichtbar, die sowohl mit der Versicherung einiger Kategorien von Erwerbstätigen als auch mit der praktischen Anwendung einzelner Bestimmungen verbunden sind. In der Gesellschaft und vor allem in den Seniorenvereinen und den Gewerkschaften sowie in den Medien erschienen ernsthafte Kritiken der Nachteile der neuen Rentenreform. Aus diesem Grund haben der Aufsichtsrat des Nationalen Sozialversicherungsinstituts, der Ministerrat und das Parlament durch gesetzliche Bestimmungen und mittels Durchführungsbestimmungen bereits mehrmals Änderungen und Ergänzungen im Gesetzbuch und vor allem im Kapitel über die Renten vorgenommen.
Mit dem eingeführten Punktzahlsystem (Summe von Alter und Versicherungsjahren) wurde nach dem 30. Juni 2000, als die Übergangsperiode endete, der Zufluss an neuen Rentnern stark reduziert. Zugleich haben die neuen Regeln und die neue Formel für den Rentenbezug und die Rentenberechnung zur Beibehaltung bzw. zu unwesentlicher Anhebung der Höhe der bereits gewährten Renten geführt. Das ist die Hauptursache dafür, dass etwa 64% der Rentner in Bulgarien Renten in Höhe zwischen 36 und 68 DM erhalten. Mit einer solchen Rente lassen sich nicht einmal die Kosten für die Heizung in den Wintermonaten decken. Die Lage der übrigen Rentner ist nicht viel besser. Sogar diejenigen mit der monatlichen Höchstrente von 160 DM erhalten praktisch eine Summe, die knapp unter dem doppelten Betrag des Mindestlohns liegt.
Proteste
Die niedrige Rentenhöhe führt zweifellos zu Unzufriedenheit und zu landesweiten Massenprotesten. Die Hauptorganisatoren dieser Proteste sind die zwei größten Seniorenorganisationen: der Bulgarische Rentnerverband (BRV) unter dem Vorsitz von Herrn Todor Kolev und der Vereinte Bulgarische Rentnerverband (VBRV) unter dem Vorsitz von Herrn Sawa Garbusanov. Beide Verbände haben ihre regionale Strukturen und Leitungen landesweit. Besonders aktiv in seinen Protestaktionen ist der von Herrn Garbusanov geleitete Verband, er organisiert fast wöchentlich Meetings in der Hauptstadt und erstellt Protesterklärungen mit Forderungen an die Regierung, an den Staatspräsidenten und an das Parlament. Im März d. J. haben die Vorsitzenden der Gebiets- und der Gemeinderäte des VBRV in Nordostbulgarien in einem offenen Brief an die Regierung erneut ihre Stellungnahme zu mehreren brennenden Problemen geäußert. Besonders brennend ist das Problem, dass Senioren mit über 35 Dienstjahren beleidigend niedrige Renten von 50 bis 60 DM monatlich erhalten. Sehr stark ist auch der Protest der Bergleute, deren Renten auf die Maximalhöhe von 160 DM beschränkt sind. Auf Initiative der Pensionierten vom Bergwerk Bobov Dol läuft jetzt eine landesweite Unterschriftensammlung, mit der die Bergleute verlangen, dass ihnen die reale Höhe der von ihnen verdienten Rente gewährt wird. Und diese reale Höhe überschreitet in den meisten Fällen 350 bis 450 DM monatlich. Auf dieselbe Weise sind auch die Interessen von anderen Risikoberufen wie Metallurgen, Lokomotivführern, Fliegern und Kadermilitärs von den Ministerien der Verteidigung und des Inneren u. a. geschädigt. Auch ihre Renten sind auf die vierfache Höhe der Sozialrente, d. h. wieder auf 160 DM beschränkt. Das Gesetz sieht vor, dass diese Einschränkung erst ab 1. Januar 2004 abgeschafft wird.
Im gesellschaftlichen Raum sind immer stärker Aufrufe hörbar, dass sich beide Rentenverbände vereinigen und mit gemeinsamen Kräften ihre Vertreter sowohl im Parlament als auch im Aufsichtsrat des Nationalen Sozialversicherungsinstituts, wo zur Zeit nur die zwei größten Gewerkschaften vertreten sind, durchsetzen sollen.
In ihren Forderungen für ein besseres Leben werden die Rentner von fast allen nationalen und regionalen Medien, vor allem von den Druckmedien, unterstützt. Eine besonders starke Tribüne in dieser Hinsicht ist die unabhängige nationale Zeitung “Bulgarische Senioren”, die bereits seit neun Jahren den Menschen des dritten Lebensalters Hoffnung und Zuversicht vermittelt.
Obwohl auch recht schwierig und langsam, werden viele der Mängel der Rentenreform beseitigt. Und wenn es den Regierenden gelingt, die Arbeitslosigkeit, die nach offiziellen Angaben 17% der erwerbsfähigen Bevölkerung übersteigt, zu bekämpfen, würde auch das z. Z. ungünstige Verhältnis zwischen den Erwerbstätigen und den Rentnern verbessert. Denn, wie kurios es auch klingen mag, unterhalten in Bulgarien heutzutage 100 Erwerbstätige mit ihren Rentenversicherungsbeiträgen ungefähr 90 Rentner!
Die Klubs
Trotz der finanziellen Schwierigkeiten in ihrem Leben ergeben sich die bulgarischen Senioren nicht. Die meisten von ihnen arbeiten weiterhin, sie führen ihre kleine private Bauernwirtschaft und beteiligen sich aktiv am gesellschaftlich-politischen Leben des Landes, das, wenn auch schwierig, den Weg der demokratischen Änderungen geht. In dieser Hinsicht spielen die in fast jedem Ort errichteten Seniorenvereine mit ihren Klubs eine sehr wichtige Rolle. Diese Klubs sind echte Zentren für kollektives Leben, für Erholung und Unterhaltung sowie für Aktivitäten, die das Selbstvertrauen stärken, die Vaterlandsliebe fördern, die Familientraditionen und die Volkstümlichkeit unterstützen. Besonders aktiv sind viele Seniorenklubs in der Hauptstadt Sofia sowie in den Städten Plovdiv, Stara Sagora, Dimitrovgrad, Gorna Oriahovitza, Topolovgrad, Popovo, Vratza und viele, viele andere.
So beschreibt Herr Boris Ikonomov, ein aktiver Mitarbeiter der Zeitung “Bulgarische Senioren”, die Tätigkeit seines Seniorenklubs: “Der Raum strahlt Gemütlichkeit und Ruhe aus. Senioren sitzen an den Tischen und spielen Karten, Brettspiel, Schach oder Domino, manche lesen Zeitungen oder unterhalten sich einfach bei einer Tasse Kaffee. Sehr belebt ist es donnerstags, da steht der Klub den Frauen zur Verfügung. Sie besprechen Strickmuster, tauschen Kochrezepte aus, diskutieren Gesundheitsprobleme. Die Klubchefin, ehemalige Krankenschwester, misst allen, die es wünschen, den Blutdruck. Oftmals werden Ärzte eingeladen, die zu verschiedenen Gesundheitsproblemen Erläuterungen geben. In unserem Klub wird jeder bemerkenswerte Tag feierlich begangen. Wir feiern Silvester, den Nationalfeiertag am 3. März, den Tag des Winzers am 8. März, den Tag der slawischen Kultur am 24. Mai sowie Geburts- und Namenstage von Klubmitgliedern. Wir haben eine Singgruppe für alte Stadtlieder und ein Singquartett. Mit ihren Programmen besuchen wir die Seniorenklubs in anderen bulgarischen Städten. Unsere lebhafte Tätigkeit wäre nicht möglich ohne die aktive Unterstützung seitens des Bürgermeisters von Provadia, Dipl.-Ing. Marin Georgiev.”
Eine Initiative der Seniorenklubs sind die regionalen und die nationalen Senioren-Laienkunstfestivals. Im Oktober 2000 fand in Varna das 4. Nationale Festival unter dem romantischen Namen “Laubfall der Erinnerungen” statt. Teilnehmer waren 45 Singgruppen für alte Stadtlieder, 40 Folkloregruppen, 13 Gruppen für Volksbräuche, 8 Chöre, 4 Tanzgruppen und 70 individuelle Darsteller. Ein Jurymitglied gab folgende Einschätzung der Festivalteilnehmer: “Sie alle verdienen Achtung für die Freude, die sie den anderen schenken sowie für das wunderbare Beispiel, das sie mit ihrem lebendigen Drang zur Kunst und zur Schönheit den jungen Leuten geben.”
Ende Mai 2001 fand in Sofia das 5. Nationale Senioren-Laienkunstfestival statt. Trotz der Schwierigkeiten in ihrem Leben verlieren die bulgarischen Senioren nicht ihren Mut. Als Nachfolger des antiken Sängers Orpheus sehen sie mit Liedern einer besseren Zukunft entgegen!
Abschließend noch einige Daten im Überblick:
Die Renten in Bulgarien im Jahre 2000
Gesamtzahlen
durchschnittl. Anzahl der Rentner (aller Arten)
2.380.000
durchschnittl. Anzahl der Renten (aller Arten)
2.425.000
Ausgaben für Renten pro Jahr (umgerechnet in DM)
2.400 Mio DM
Anteil der Rentenzahlung am Bruttoinlandsprodukt
9,4%
Löhne / Einkommen pro Monat (umgerechnet in DM)
durchschnittl. Arbeitslohn
220 DM
Mindestarbeitslohn
85 DM
nominelles Einkommen pro Familienmitglied
für den Bezug von Sozialhilfe
40 DM
Rentenbeträge pro Monat (umgerechnet in DM)
Höchstbeträge der Rente
bzw. Rentensumme
(umgerechnet in DM)
160 DM (betrifft nur 5,6%
aller Rentner)
Durchschnittliche Höhe der Rente
über alle Rentenarten
81 DM
für Versicherungsjahre und Alter
83 DM (entspr. 37 % v.
Durchschnittslohn)
für Invalidität infolge
allgemeiner Erkrankung
61 DM
für Invalidität infolge
Arbeitsunfall / Berufserkrankung
41 DM
Mindestrenten ab 1.1.2001
für Versicherungsjahre und Alte
46 DM
bei unvollständigem Dienstalter
42 DM
Sozialrente für Alter
40 DM
Sozialrente für Invalidität
44 DM
bei Invalidität infolge allgemeiner Erkrankung
42 – 56 DM
bei Invalidität infolge Arbeitsunfall / Berufserkrankung
46 – 60DM
Hinterbliebenenrente (für jeden Hinterbliebenen)
36 DM
Anteil der Rentner mit Mindestrenten zum 31.7.2000
(= Prozentsatz von der Gesamtzahl der Rentner)
Rentenart
persönliche Rente
Hinterbliebenenrente
für Arbeitsjahre u. Alter
21,4 %
37,8 %
für Invalidenrente
67,9 %
79,3 %
Kriegsinvalidenrente
87 %
91,5 %
Zivilinvalidenrente
85 %
80 %
Sozialrente
98 %
3 %
Yakim Prizhibilovski, Journalist der Wochenzeitung “Bulgarische Senioren”
P.O. Box 870, 1000 Sofia, Bulgarien
Übersetzung aus dem Bulgarischen ins Deutsche:
Maja Todorova, freiberufliche Dolmetscherin