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Das französische Rentensystem

Die Rente ist seit 1945 zu einem wichtigen Bestandteil des sozialen Zusammenhalts und der Solidarität in Frankreich geworden. Heute ermöglicht sie den Menschen angesichts der steigenden Lebenserwartung, mehrere Jahre ohne berufliche Tätigkeit zu verbringen und dabei finanziell abgesichert zu sein.

 

Das Umlageverfahren

Das französische Rentensystem basiert hauptsächlich auf einem Umlageverfahren, was bedeutet, dass nach dem Generationenvertrag die Renten durch die Beiträge der derzeitigen Arbeitnehmer finanziert werden. Charakteristisch für das französische Rentensystem ist die große Vielfalt an Einzelsystemen: Unterschieden wird zwischen Arbeitnehmern in der Privatwirtschaft, im öffentlichen Sektor, zwischen Freiberuflern, Künstlern, Händlern und selbständigen Landwirten. Ferner gibt es so genannte Sondersysteme, die auf die einzelnen Situationen und Berufsgruppen zugeschnitten sind.

Die Finanzierung der Renten wird von den Sozialpartnern (Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände) eigenständig und unabhängig vom Staatshaushalt verwaltet, außer bei den Beamtenpensionen. Das Parlament legt die wichtigsten Regeln für die Verwaltung der Pensionen fest und erstellt eine Bilanz der Einnahmen und Ausgaben der Sozialkassen im Bereich der Renten. Seit 1996 stimmt das Parlament jährlich über das Gesetz zur Finanzierung der Sozialversicherung ab.

 

Solidarität

Das Prinzip der Solidarität kommt auf drei Ebenen zum Tragen:

Bei jeder Arbeitnehmergruppe werden arbeitsfreie Zeiten bei der Rente angerechnet (Krankheit, Mutterschaft, Arbeitslosigkeit, usw.) und es wird eine Mindestrente garantiert. Zwischen den verschiedenen Arbeitnehmergruppen wurden finanzielle Ausgleichsmechanismen eingerichtet, um den demografischen Ungleichheiten im Altersaufbau gerecht zu werden. So werden die Renten für Bergarbeiter, von denen es wegen der zunehmenden Schließung der Minen nicht mehr sehr viele gibt, von anderen Arbeitnehmergruppen unterstützt, bei denen die demografische Entwicklung positiv ist. Auf nationaler Ebene kommt die Solidarität zum Ausdruck, indem der Staat bestimmte defizitäre Rentensysteme unterstützt, insbesondere bei den Berufsgruppen, die durch die Abnahme der Beitragszahler in großen Schwierigkeiten sind.

 

Berufsabhängige Rente

In Frankreich unterscheiden sich die Rentensysteme je nach Beruf des Beitragszahlers: z.B. Arbeitnehmer im privaten Sektor, Beamte, Selbstständige. Das Rentensystem für Arbeitnehmer im privaten Bereich besteht aus einem Grund- und einem Zusatzsystem:

Das Grundsystem (régime général) gilt für alle Arbeitnehmer des Privatsektors. Hier waren 2011 69,1% der berufstätigen Bevölkerung versichert. Die Zuteilung zu einem der zahlreichen Zusatzsysteme hängt von der beruflichen Tätigkeit ab, es besteht keine Möglichkeit der freien Wahl. In dem Rentensystem des öffentlichen Dienstes sind 16,5% (2011) der Berufstätigen versichert und im System für Selbstständige 9,9% (2011).

 

Rentenberechnung nach Beitragszeiten oder nach Entgeltpunkten

Es gibt zwei verschiedene Möglichkeiten der Rentenberechnung:

Bei der Berechnung nach Zeiten der Beitragszahlung ist die Dauer der Beitragszahlung ausschlaggebend. Bei den meisten Grundsystemen und bei den Sondersystemen wird so vorgegangen. Bei der Berechnung nach Entgeltpunkten sammelt der Beitragszahler während seines Berufslebens Entgeltpunkte auf der Basis seiner geleisteten Beiträge. Dieses Verfahren wird meist bei den Zusatzsystemen angewandt.

 

Volle Rentenzahlung

Das Rentenalter beträgt in Frankreich für das allgemeine Rentensystem 62 Jahre für diejenigen, die nach dem 1.1.1955 geboren sind. Für die nach dem 1.1.1950 geborenen Jahrgänge bestehen Übergangsregelungen aufgrund der Anhebung des allgemeinen Rentenalters von 60 auf 62 Jahre. Der Erhalt der vollen Rente erfordert aber 41 Jahre Beitragszahlung. Ab 67 Jahren wird die Rente automatisch in voller Höhe gezahlt. Arbeitnehmer, die schon früh berufstätig waren, haben das Recht, schon mit 60 Jahren in die Rente zu gehen, wenn sie die geforderte Anzahl an Beitragsjahren erfüllt haben.

 

Die Mindestrente

1956 wurde in Frankreich eine Mindestrente für alle in Frankreich lebenden Senioren eingeführt, die keine Anwartschaft für die Sozialversicherung erworben haben.

Die Mindestrente ist abhängig von:

dem Alter: 65 Jahre bzw. 60 Jahre bei Invalidität oder Berufsunfähigkeit,
dem Einkommen,
einem ordnungsgemäßen Wohnsitz in Frankreich.

 

Die Hinterbliebenenrente

Ein hinterbliebener Ehepartner ohne eigenes Einkommen oder mit einem zu geringen Einkommen erhält eine Hinterbliebenenrente, die an Hand der Rente berechnet wird, die der verstorbene Partner erhielt oder erhalten hätte. Im allgemeinen Rentensystem wird die Hinterbliebenenrente ab einem Alter von 55 Jahren bewilligt, in den Sondersystemen altersunabhänigig (bis auf einige Ausnahmen).

Das deutsche und das französische Rentensystem basieren auf dem Umlageprinzip und haben auch sonst viele Ähnlichkeiten, so eine im August 2012 veröffentlichte Studie des französischen Schatzamtes (Trésor public).

Es gibt allerdings deutliche Unterschiede bei der Ausgestaltung. So besteht in Frankreich die Verpflichtung eine Zusatzrente abzuschließen, während dies in Deutschland allein auf freiwilliger Basis geschieht. Auch müssen in Frankreich Selbstständige und Mitglieder der freien Berufe Mitglied der staatlichen Rentenversicherung werden, während es in Deutschland für diese Berufe keine Versicherungspflicht gibt. Beide Länder wenden einen wichtigen Anteil ihrer öffentlichen Ausgaben für das Rentensystem auf (2009 waren es 13,6 % in Frankreich und 12,1 % in Deutschland).

 

Frankreich und Deutschland stehen vor der Herkulesaufgabe, Antworten auf die Alterung der Gesellschaft und die Verlängerung der Lebenserwartung zu finden. Dabei ist die demographische Herausforderung für Deutschland aufgrund der niedrigen Geburtenrate noch erheblich größer. Beiderseits des Rheins wurden seit der Jahrtausendwende mehrere Reformen umgesetzt, die insbesondere Faktoren des automatischen Ausgleichs eingeführt haben. Hierzu gehören Maßnahmen auf drei Ebenen: Einnahmeverbesserungen der Rentenkassen, die Erhöhung des Renteneintrittsaltes und die Absenkung des Rentenniveaus. Beide verzichteten auf zu starke Beitragssteigerungen für die Aktiven, um die Arbeitskosten nicht zu sehr zu belasten. Die umstrittenste Refom in Frankreich wie auch in Deutschland war die Heraufsetzung des Renteneintrittsalters. In Deutschland liegt es zwischen 63 und 67 Jahren mit einer legalen Altersgrenze von 67 Jahren, die bis 2030 umgesetzt wird. Entgegen der oft falschen Annahme wurde das legale Renteneintrittsalter in Frankreich auf 62 Jahre angehoben, wobei der reale Renteneintritt von der Beitragsdauer abhängig ist und somit meist zwischen 62 und 67 Jahren erfolgt. Nur Beschäftigte mit einer langen Berufskarriere, die schon sehr früh ins Erwerbsleben eingetreten sind, können abschlagsfrei mit 60 Jahren in die Rente gehen, soweit sie die notwendige Anzahl an Beitragstrimestern nachweisen können.

 

hk 08.06.2016

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